Ausgangssituation
Eine 42-jährige Frau kommt in mein 3h-Coaching, weil sie erschöpft ist. Sie sagt über sich selbst, dass sie sehr perfektionistisch sei, dies aber nicht abstellen kann. Die besagte 80/20-Regel funktioniert bei ihr nicht.
Sie ist fachlich versiert, verlässlich, sehr genau. Vorgesetzte loben die Qualität und Ergebnisse ihrer Arbeit, ihre Kolleg:innen schätzen ihre Mitwirken.
Und trotzdem sitzt sie abends oft noch am Laptop.
„Eigentlich war alles fertig“, sagt sie. „Aber dann habe ich die Präsentation doch noch mal überarbeitet. Man weiß ja nie.“
E-Mails liest sie mehrfach gegen. Formulierungen werden feiner, sachlicher, unangreifbarer.
Am nächsten Morgen fragt sie sich, warum sie „nicht hat fünfe gerade sein lassen“ und schon wieder so müde ist.
Nach außen sieht man ihr nichts an. Sie wirkt engagiert.
Innerlich ist sie jedoch angespannt.
Rückmeldungen braucht sie zur Absicherung. „Wenn jemand sagt, das war gut, bin ich kurz erleichtert. Und frage mich dann trotzdem, ob das wirklich stimmt und was ich hätte noch besser machen können.“
Was ihr Perfektionismus für sie leistet
Im 3h-Coaching wird deutlich:
Ihr Perfektionismus ist kein Ehrgeizproblem. Er hilft ihr, Kontrolle zu behalten. Kritik zuvorzukommen. Angriffsflächen zu vermeiden.
Fehler fühlen sich für sie nicht wie Lernschritte an, sondern wie ein persönliches Risiko.
Also
- lieber noch einmal prüfen.
- lieber zu viel als zu wenig kontrollieren.
- lieber abends länger arbeiten als morgens mit Unsicherheit starten.
So hält sie sich stabil und erschöpft sich gleichzeitig.
Wo dieses Muster entstanden ist
Ein Blick in ihre Herkunftsfamilie macht die Logik verständlich.
Der Vater war viel mit Arbeit beschäftigt. Nach Feierabend wollte er Ruhe. Wenn etwas nicht stimmte, wurde es kommentiert – knapp, kritisch, ohne Erklärung: „Das hättest Du besser machen können.“, „Beim nächsten Mal mehr aufpassen.“ Was zählte, war Leistung – Lob gab es selten.
Die Mutter bemühte sich um Harmonie. Bloß keinen Streit. Bloß nichts falsch machen. Wichtig war, „es richtig zu machen“.
Die Klientin lernte früh:
- Wenn ich sorgfältig bin, bleibt es ruhig.
- Wenn ich funktioniere, störe ich nicht.
- Wenn ich Fehler mache, wird es unangenehm.
Perfektion wurde zur Absicherung. Nicht bewusst gewählt, sondern still erlernt.
Der Wendepunkt im 3h-Coaching
Im Coaching arbeiten wir nicht gegen dieses Muster. Wir würdigen, wofür es einmal wichtig war.
Ein Satz wird zum Prüfstein: „Ich bin genug.“
Dieser Satz wird nicht diskutiert. Er wird im Erleben gespürt.
Die Klientin bemerkt, wie sehr ihr Körper ständig auf Spannung ist. Wie viel ihrer Energie ins Kontrollieren fließt und wie entlastend es ist, diese innere Spannung langsam zu lösen.
Zum ersten Mal entsteht ein anderes inneres Gefühl:
kein Nachlassen, sondern Erleichterung.
Nicht abrupt. Aber spürbar.
Erste Schritte in eine andere Arbeitsweise
Am Ende des Coachings spürt die Klientin eine innere Ruhe – nicht, weil ihr Anspruch verschwunden wäre, sondern weil sich ihr innerer Maßstab verschoben hat.
Sie geht mit einer klaren Vorstellung aus dem Termin, was sie verändern will:
- Künftig schätzt sie die Qualität ihrer Arbeit selbst ein, statt sich über Rückmeldungen abzusichern.
- Aufgaben dürfen stimmig abgeschlossen sein, ohne eine weitere Kontrollschleife.
- Sie setzt bewusster einen Punkt, auch wenn etwas nicht vollkommen ist.
- Sie bleibt in der Verantwortung, die von mehr Vertrauen in die eigene Einschätzung getragen ist.
Ihr neuer Leitsatz lautet:
„Arbeit darf gut sein. Nicht fehlerfrei. Und sie darf am Abend enden.“




